| Generationen verbindendes Schorndorfer Wohnprojekt steht vor Baubeginn
Schorndorf liegt im Trend. Jetzt kann auch die Daimler-Stadt auf die kommende Umsetzung eines Generationen übergreifenden Wohnprojektes verweisen. Bereits vor vier Wochen erfolgte der Spatenstich, und in diesen Tagen erwarten die Initiatoren die ersten Baumaschinen auf dem Baugelände am Mühlbach. „Wir sind froh, dass es nun losgeht. Infolge der geplanten Mehrwertsteuer für 2007 war es nicht einfach, noch Unternehmen für unser Bauprojekt zu engagieren“, sagt Projektsprecherin Helga Hampel.
Was die mittlere und ältere Generation in ganz Deutschland begeistert, nämlich alternative Wohnformen, wird auch in Schorndorf im Herbst 2007 Realität. Dann sollen die ersten von 30 Wohnungen auf dem 33 Hektar großen Grundstück bezugsfertig sein, meint Hampel. Darauf freuen sich bereits die 63 Projektmitglieder, von denen der jüngste sechs, der älteste 75 Jahre alt ist und über die Hälfte aus auswärtigen Gemeinden kommt. Bereits jetzt genießen sie regen Zuspruch. Neben Schorndorfs Oberbürgermeister Winfried Kübler waren rund 90 Interessierte, darunter Nachbarn, Freunde und Vertreter der Stuttgarter Baugenossenschaft „pro…gemeinsam bauen und leben“, zum Spatenstich am Mühlbach gekommen. Das Bauvorhaben kostet 5,5 Millionen Euro, und die Stadt Schorndorf unterstützt das Wohnprojekt, in dem sie sich als Bürge zur Verfügung gestellt hat.
Warum soll ich im Alter allein leben? Nach den Gründen für das Wagnis „Wohnprojekt“ befragt, sagt Projektmanagerin Melanie Grave, dass sie es langweilig finde, mit 70 Jahren allein im eigenen Haus zu leben. Für Christa Hess sei schon immer klar gewesen, dass sie im Alter einmal anders leben wolle. Beide Frauen gehören seit vier Jahren dem Schorndorfer Wohnprojekt an, das aus der Lokalen Agenda 21 hervorgegangen ist. Offenkundig spiegelt sich hierbei ein großes Bedürfnis von Menschen ab 50 Jahren wider, alternative Wohnformen zu schaffen. Diesen Trend bestätigt auch Inge Hafner, Altenhilfeexpertin aus Esslingen: „Wohnalternativen werden mit einer Begeisterung diskutiert, wie ich das in früheren Jahren nicht erlebt habe.“ Auf einer Vorstandssitzung des Landesseniorenrates Baden-Württemberg geht sie noch einen Schritt weiter und fragt: „Wie könnte ich mir Wahlverwandtschaften dort schaffen, wo ich jetzt wohne?“
Neue-Wohnformen.de bietet Unterstützung an Der Evangelische Diakonissenverein Siloah aus Pforzheim hat auf diese Nachfrage nach alternativen Wohnformen reagiert. Zusammen mit der Wohnberatungsfirma Bed & Roses und dem IT-Dienstleister Netwerk GmbH aus Balingen bietet er seit über einem Jahr die neue Internet-Plattform www.neue-wohnformen.de an. Das Besondere an diesem Online-Angebot: Jeder Bürger kann hier sein kostenloses Wohnungsgesuch aufgeben, über ein privates Wohnprojekt informieren, die Gründung einer Initiative ankündigen oder einen Erfahrungsbericht kostenlos veröffentlichen. Mittlerweile beginnt das Angebot alternativer Wohnprojekte unübersichtlich zu werden: „Neue-Wohnformen.de hat es sich zur Aufgabe gemacht, Transparenz zu schaffen in dem schnell wachsenden Bereich neuer Wohnformen. Die speziell zu diesem Zweck entwickelte Kontaktbörse führt Menschen mit gleichen Wohninteressen, aber auch bereits bestehende Wohnprojekte mit Interessenten zusammen“, erklärt Projektbetreuerin Marion Gühring von Neue-Wohnformen.de.
Welche Wohnform passt zu mir? Melanie Grave, Christa Hess und Helga Hampel vom Schorndorfer Wohnprojekt wissen wohl genau, das ihr Wohnprojekt, das drei Generationen unter einem Dach zusammenbringt, das Richtige für sie ist. Wer das nicht weiß, kann sich beraten lassen. Die Betreiber von neue-wohnformen.de haben eine Checkliste zusammengestellt, die aus dem Internet heruntergeladen und eingesehen werden kann. Sie enthält beispielsweise folgende Fragen: Erwarte ich eine Erweiterung meines Bekanntenkreises? Suche ich Geselligkeit? Oder geistig-kulturellen Austausch? Wünsche ich mir Hilfe bei Kurzzeit-Erkrankungen? Und: Möchte ich lieber eine Wohnung kaufen? Oder lieber doch ein Haus? Wünsche ich mir einen Garten oder reicht mir ein Balkon? Möchte ich selbständig in einer eigenen Wohnung mit Anschluss leben? Oder in einer Wohngemeinschaft mit anderen zusammen?
Kalkvollstein, Solaranlage und Fahrstuhl? Diese Fragen haben sich die Schorndorfer Projektmitglieder selbstverständlich bereits gestellt und beantwortet. In der Bauplanung seien allerdings auch andere, konkrete Fragen zu klären gewesen, sagt Melanie Grave. „Verwenden wir Beton oder Kalkvollstein? Können wir uns eine Solaranlage leisten? Brauchen wir einen Fahrstuhl?“ Die temperamentvolle 70-Jährige war von Anfang an dabei und meint, dass das Wohnprojekt die bisherigen vier Jahre vor allem auch ein Leben in der Gruppe gewesen sei: „Das ist ein Prozess in ökologischer und sozialer Hinsicht.“ Bereitwillig geben die Projektmanagerinnen zu, dass ihnen der Gedanke an die räumliche Nähe in der geplanten Nachbarschaft nicht leicht fällt. Beide verfügen über keinerlei Erfahrungen in Wohngemeinschaften und legen großen Wert darauf, „die Tür hinter sich zumachen zu können“.
Dass für die Projektgruppe das Generationen verbindende Wohnen sehr wichtig ist, unterstreicht Melanie Grave: „Die Ansammlung alter Menschen in den Heimen finde ich schrecklich, ich bevorzuge den Kontakt zu Jüngeren.“ Die 62-jährige Christa Hess ergänzt: „Die Herausforderung mit Jüngeren zu suchen, hält uns fit.“ Allerdings denkt die Schorndorferin auch an den Fall, dass sie einmal Pflege benötigen könnte: „Man weiß ja nicht, was kommt, aber wenn sich die Bewohner schätzen, dann könnten sie sich gegenseitig pflegen.“
Gemeinsames Ziel: Begegnungen und gegenseitige Unterstützung Das geplante Miteinander am Schorndorfer Mühlbach basiert nicht nur auf ökologischen Standards, wie die Verwendung von Kalkvollstein. Vielmehr will das Wohnprojekt ein Wohnklima schaffen, in dem soziale Kontakte die Regel, keinesfalls die Ausnahme sind. Vielfältige Aktivitäten, wie Musizieren, Boule spielen, die Einrichtung einer Leseecke, stehen auf dem Programm. „Jüngere wollen Älteren helfen, zum Beispiel bei der Gartenarbeit“, sagt Helga Hampel. Und Melanie Grave ergänzt: „Das wird ein großes Abenteuer.“ Ob sie damit im bundesweiten Trend liegen, wird sie jetzt wenig interessieren.
Dr. Stefan Raab
Ein Artikel der Seniorenzeitung Rems-Murr
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