| Immer mehr Menschen ziehen neue und alternative Wohnprojekte für den dritten Lebensabschnitt in Betracht
Von Dr. Stefan Raab
„Wir suchen Leute ab 50plus zur Planung und Organisation einer Alters-WG.“ Oder: „Mitbewohnerin ab 50 wegen Einsamkeit gesucht.“ So lauten die Wohnungsangebote auf der neuen Internet-Plattform www.neue-wohnformen.de. Damit greift der Träger der Homepage, der Evangelische Diakonissenverein Siloah aus Pforzheim, ein großes Bedürfnis von Menschen ab 50 Jahren auf. Immer häufiger verspürt nämlich diese Generation den Wunsch, sich neue, alternative Wohnformen zu schaffen. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich. Manche fühlen sich allein, andere möchten bereits frühzeitig die Weichen für ihren Alterswohnsitz stellen, viele wollen später nicht in ein Altenheim ziehen müssen. Diesen Trend bestätigt auch Inge Hafner, Altenhilfeexpertin aus Esslingen. Auf einer Vorstandssitzung des Landesseniorenrates Baden-Württemberg geht sie noch einen Schritt weiter und fragt: „Wie könnte ich mir Wahlverwandtschaften dort schaffen, wo ich jetzt wohne?“
Die eigenen vier Wände
Es ist klar, dass die meisten Menschen so lange wie möglich zuhause wohnen bleiben möchten. Das belegen unzählige Studien zur Wohnsituation Älterer. Aber was passiert, wenn das Leben nicht mehr selbstbestimmt geführt werden kann? Wenn der Arzt nicht mehr selbst gerufen werden kann, wenn kleinere Besorgungen nicht mehr möglich sind oder teure Dienstleistungen eingekauft werden müssen? Häufig droht die Abhängigkeit von weit entfernt wohnenden Verwandten, später die Einweisung in ein Alten- oder Pflegeheim.
Nachfrage nach alternativen Wohnformen wächst
Freilich erklären sich noch viele Angehörige bereit, ihre Eltern zu unterstützen bzw. zu pflegen. Allerdings, so die baden-württembergische Sozialministerin Tanja Gönner, könne bereits jetzt etwa jeder dritte Pflegebedürftige nicht mehr in den eigenen vier Wänden versorgt werden. Und: „In Zukunft“, so führt Hochschullehrer Thomas Klie von der Freiburger Evangelischen Fachhochschule bei der Anhörung der Enquetekommission „Demografischer Wandel“ aus, „werde sich die Mentalität grundsätzlich ändern, und das bedeutet, dass sich immer weniger Jüngere um ihre Eltern kümmern wollen.“ Gerade Angehörige von Altenheimbewohnern, die das Schicksal ihrer Verwandten in deren letztem Lebensjahrzehnt miterleben, suchen für sich selbst nach Lösungen aus dieser Misere und wollen Abhilfe schaffen.
Bundesministerium will neue Wohnformen unterstützen
Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend will die Bürger bei diesem Vorhaben helfen: „Ältere Menschen fragen zunehmend neue Formen des Wohnens wie z.B. betreute Wohngemeinschaften als Alternative zum klassischen Altenheim nach...Wir wollen diese innovativen Ansätze als eigenständige Säulen des Wohnens im Alter etablieren und dafür die rechtlichen Rahmenbedingungen verbessern“, sagt Staatssekretär Peter Ruhenstroth-Bauer. Aus diesem Grund hat das Ministerium Ende Februar eine Fachtagung zum Thema „Neue Betreuungs- und Wohnformen und Heimgesetz“ veranstaltet und bietet auf seiner Homepage www.bmfsfj.de in einer Datenbank über 22 Baumodelle an, die bereits realisiert werden.
Informationsbörse Neue-Wohnformen.de
Auch der Evangelische Diakonissenverein Siloah aus Pforzheim hat auf diese offensichtliche Lücke in der bundesdeutschen Wohnversorgung reagiert. Zusammen mit der Wohnberatungsfirma Bed & Roses und dem IT-Dienstleister Netwerk GmbH aus Balingen bietet er jetzt die neue Internet-Plattform www.neue-wohnformen.de an. Das Besondere an diesem Online-Angebot: Jeder Bürger kann hier sein kostenloses Wohnungsgesuch aufgeben, über ein privates Wohnprojekt informieren, die Gründung einer Initiative ankündigen oder einen Erfahrungsbericht kostenlos veröffentlichen. „Das große Manko ist häufig die Informationsbeschaffung“, weiß Marion Gühring von der Netwerk GmbH. Auf drei Kongressen in Heidelberg, Mannheim und Freiburg zu dem Thema „Alternative Wohnformen im Alter“ habe sie häufig festgestellt, dass viele Interessierte zu wenig Informationsmöglichkeiten gehabt hätten und ein richtiges Netzwerk für neue, alternative Wohnformen fehle, erklärt die Projektbetreuerin von www.neue-wohnformen.de.
Checkliste zur Wohnform
Mit der Einrichtung dieser Internet-Plattform kann nicht nur jeder Interessierte an diesem Netzwerk mitwirken. Er erhält hier auch die Möglichkeit, sich über Dienstleistungen, wie Rechtsberatung, Finanzierungsmöglichkeiten und die Planung sowie Realisierung von Bauprojekten zu informieren. Ferner kann er selbst herausfinden, für welche Wohnform er am besten geeignet erscheint. Dafür haben die Betreiber eine Checkliste zusammengestellt, die aus dem Internet heruntergeladen und eingesehen werden kann. Sie enthält beispielsweise folgende Fragen: Erwarte ich eine Erweiterung meines Bekanntenkreises? Suche ich Geselligkeit? Oder geistig-kulturellen Austausch? Wünsche ich mir Hilfe bei Kurzzeit-Erkrankungen? Und: Möchte ich lieber eine Wohnung kaufen? Oder lieber doch ein Haus? Wünsche ich mir einen Garten oder reicht mir ein Balkon? Möchte ich selbständig in einer eigenen Wohnung mit Anschluss leben? Oder in einer Wohngemeinschaft mit anderen zusammen?
Übrigens arbeitet der Träger der Homepage www.neue-wohnformen.de, der Evangelische Diakonissenverein Siloah, auf ehrenamtlicher Basis. Er erzielt Erlöse durch Einträge von Dienstleistern, die der Pflege und Gestaltung der Internet-Plattform zugute kommen. Ein guter Service für 50plus-Wohnungssuchende und -anbieter, die für ihre neue, alternative Wohnform nicht nur ein komfortables Möbelstück benötigen.
< zurück |